19 Jan
2018

Mutwillige Klagen in Italien – das kann teuer werden!

Wer in Italien mutwillig klagt, also versucht, sein Recht vor Gericht durchzusetzen, obwohl er weiß oder wissen müsste, dass ihm ganz offenbar kein Anspruch zusteht oder er das Rechtssystem absichtlich missbraucht, muss mit erheblichen Kosten rechnen. Bei Unterliegen muss er nicht nur die Verfahrenskosten tragen, sondern kann zusätzlich zur Zahlung von (hohem) Schadensersatz wegen mutwilliger Prozessführung verurteilt werden. Aber ist so ein Urteil aus Italien überhaupt in Deutschland vollstreckbar?

Das hat der BGH jetzt bestätigt (BGH Beschluss vom 22.06.2017 – IX ZB 61/16).

Was war zuvor geschehen? Ein deutscher Kläger hatte vor dem Landgericht Mailand Klage erhoben. Die Klage wurde wegen internationaler Unzuständigkeit der italienischen Gerichte abgewiesen. Das wollte der Kläger nicht einsehen und sein Recht in der nächsten Instanz durchsetzen. Das OLG Mailand hat die Klage ebenfalls wegen fehlender Zuständigkeit abgewiesen - und den Kläger nicht nur zur Tragung der Verfahrenskosten, sondern auch zu einem Strafschadensersatz von 15.000,00 Euro wegen mutwilliger Prozessführung gem. Art. 96 Abs. 3 ital. ZPO verurteilt.

Dieses Urteil kann auch in Deutschland vollstreckt werden - obwohl es einen vergleichbaren Schadensersatz nach deutschem Recht nicht gibt. Der BGH erläutert insbesondere, dass die Vollstreckung nicht gegen den sog. ordre public verstößt. Danach darf eine Entscheidung in Deutschland nicht vollstreckt werden, die mit den deutschen Regelungen und den hierin enthaltenen Vorstellungen von Gerechtigkeit in so starkem Widerspruch steht, dass das die nach ausländischem Recht ergangene Entscheidung nach deutscher Vorstellung untragbar erscheint. Gleiches gilt für ein ausländisches Urteil, das nicht in einem geordneten rechtsstaatlichen Verfahren ergangen ist.

Keiner dieser Grundsätze wird nach Auffassung des BGH durch das Mailänder Urteil verletzt.

Zwar gibt es im deutschen Recht keine der italienischen ZPO vergleichbare Norm, aber auch das deutsche Recht kennt den Grundgedanken des Schadensersatzes wegen ungerechtfertigter Prozessführung. Außerdem bestünden keine Bedenken, wenn mit dem Strafschadensersatz nicht besonders abgegoltene oder schlecht nachweisbare wirtschaftliche Nachteile pauschal ausgeglichen werden sollen. Und genau auf diesen Nachteilsausgleich habe das OLG Mailand seine Entscheidung hauptsächlich gestützt.

Anders entscheidet der BGH dagegen bislang bei den angloamerikanischen sog. punitive damages. Diese Art von Strafschadensersatz verfolgt, kurz zusammengefasst, den Zweck, den Täter für sein Verhalten zu bestrafen, den Geschädigten zu belohnen und allgemein abschreckende Wirkung zu haben. Solche Urteile sind mit dem deutschen ordre public nicht vereinbar, denn sie sollen primär Täter und Allgemeinheit von sozialschädlichem Verhalten abschrecken. Im deutschen Recht dient der Schadensersatz aber grundsätzlich “nur” dem Ausgleich eines erlittenen Schadens.

Ob der BGH bei seiner Meinung bleiben wird, wird die Zukunft zeigen. Denn nur einen Monat nach der Entscheidung, im Juli 2017, haben die Vereinten Senate des italienischen Kassationsgerichts festgestellt, dass punitive damages nicht (mehr) grundsätzlich mit dem italienischen Rechtssystem unvereinbar seien, da der Schadensersatz in Italien zunehmend einen vielseitigen, auch strafenden und präventiven Charakter erhalten habe (Kassationsgerichtshof SS.UU., Urteil Nr. 16601vom 05.07.2017).

Rechtsanwältin Dr. Stefanie Lebek

dmp.milano@derra.it

Stand: 01/2018

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